https://iclfi.org/spartacist/de/37/linke
Die folgende Präsentation wurde auf der Neunten Internationalen Konferenz der IKL gehalten.
Wir alle wissen, dass große Erschütterungen bevorstehen. Wir wissen auch, dass die Arbeiterbewegung – angefangen bei ihrer kommunistischen Avantgarde – darauf völlig unvorbereitet ist. Seit Jahrzehnten hat sich die Linke der liberalen bürgerlichen Demokratie angepasst, dabei die Grundprinzipien des Klassenkampfs vergessen und so ihr böses Erwachen vorbereitet.
Die Frage hat jedoch noch eine andere Seite. Trotzki schrieb einmal:
„Jede tiefe Krise, sei sie ökonomisch, politisch oder militärisch, hat ihre positive Seite, indem sie die verschiedenen traditionellen Größen und Formeln einer Prüfung unterzieht. Durch die Enthüllung der Fäulnis derjenigen unter ihnen, die zur Maskierung der Widersprüche während des ‚Friedens‘ gedient haben, treibt sie die allgemeine Entwicklung nach vorwärts.“
– Leo Trotzki, „Eine ganz frische Lehre“, Oktober 1938
Dieser Prozess entfaltet sich bereits vor unseren Augen. Die zunehmende Gewalt weltpolitischer Ereignisse legt die Fäulnis in der Arbeiterbewegung und den antiimperialistischen Kräften bloß. Vom Zusammenbruch des bolivarischen Regimes über die auf der Kippe stehende Kubanische Revolution und die ausgehöhlte Gewerkschaftsbewegung bis hin zur machtlosen und zersplitterten kommunistischen Linken.
Die IKL ist eine winzige Organisation innerhalb des Spektrums des Trotzkismus – der ohnehin schon recht schwach ist. Welche Rolle können die winzigen Kräfte der IKL in diesem Zusammenhang spielen? Das ist eine der Schlüsselfragen, mit denen wir uns auf dieser Konferenz auseinandersetzen müssen. Wie können wir inmitten globaler Turbulenzen und einer Linken in der Krise unseren Teil dazu beitragen, die „allgemeine Entwicklung“ unserer Bewegung „vorwärtszutreiben“?
Der objektive Lauf der Ereignisse wird große revolutionäre Turbulenzen mit sich bringen. Daran besteht kein Zweifel. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die kommunistische Bewegung, wenn diese großen Wellen hereinbrechen, nicht in einem selbstverschuldeten Schlamassel feststeckt. Stattdessen muss sie in der Lage sein, um die Führung zu kämpfen.
Diese Aufgabe wird dadurch erfüllt, dass wir der Arbeiterklasse eine echte politische Alternative bieten, die die falsche Zweiteilung der kapitalistischen Politik durchbrechen kann. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren ziehen, eine revolutionäre Strömung schmieden, sie international ausweiten und tief im Proletariat und in den unterdrückten Massen verwurzeln.
Das ist die Aufgabe der IKL. Es ist nicht besonders glamourös und es wird keinen schnellen Erfolg geben, aber es ist die einzige Perspektive, die unserem Dasein als unabhängiger politischer Kraft einen echten Sinn verleiht, die uns mit dem Selbstvertrauen ausstatten kann, den kommenden Erschütterungen standzuhalten, und uns darauf vorbereitet, die Chancen zu ergreifen, die sie mit sich bringen werden.
Die Krise der revolutionären Linken
Sternstunden der Linken
Vereinigt die Linke!
EINHEITSFRONT!
Trotzki erklärte: „Die Wissenschaftlichkeit des Gedankens besteht darin, dass er den objektiven Prozessen entspricht und diese Prozesse zu beeinflussen und zu lenken fähig ist“ (Geschichte der russischen Revolution, 1930). Um den Kurs der marxistischen Linken zu beeinflussen, müssen wir die Ursache ihrer Krise verstehen. Was sind die objektiven Faktoren, die die derzeitige Schwäche unserer Bewegung erklären? Auf den ersten Blick scheint die Antwort offensichtlich: Die Linke ist gespalten, weil Menschen unterschiedlicher Meinung sind. Doch das schiebt die Frage nur auf. Warum entstehen diese Meinungsverschiedenheiten, und warum halten sie sich von Generation zu Generation?
Zunächst muss man verstehen, dass die unzähligen ideologischen Differenzen, die die Linke spalten, nicht einfach Ideen sind, die in der Luft schweben. Sie spiegeln reale Klassenpolarisierungen wider – oft auf sehr verzerrte Weise. Es ist wichtig, diesen Punkt zu verstehen: Streitigkeiten innerhalb der Linken spiegeln in embryonaler Form die großen Klassen- und Gesellschaftskonflikte einer bestimmten Epoche wider.
Und während internationalistische marxistische Prinzipien die Grundlage dafür bilden, die Arbeiterklasse hinter ihren historischen Interessen zu vereinen, wird sie durch die Versöhnung mit bürgerlichen Interessen auseinandergetrieben. Im Grunde lässt sich die hoffnungslose Zersplitterung der marxistischen Linken aus der Versöhnung mit nichtproletarischen Interessen erklären.
Eine Partei, die sich mit dem Nationalismus versöhnt, wird Arbeiter anderer Nationalitäten vertreiben. Eine Partei, die sich weigert, gegen die Diskriminierung bestimmter Minderheiten zu kämpfen, wird von den am stärksten Unterdrückten gemieden werden. Eine Partei, die sich mit dem liberalen Feminismus versöhnt, wird entlang moralistischer Linien zerfallen. Und so geht es immer weiter: Auf Kapitulationen in die eine Richtung folgen in der Regel Fehler in die entgegengesetzte Richtung, was zu einem endlosen Kreislauf von Spaltungen und Zersplitterung führt.
Was diese Realität noch schwerer verständlich macht, ist die Tatsache, dass sich die Fehler der Vergangenheit in den verschiedenen marxistischen Strömungen oft über Generationen hinweg verstärkt haben. Die Spaltungen zwischen Trotzkisten, Stalinisten, Maoisten und sogar Hodscha-Anhängern spiegeln allesamt vergangene Interessens- und Programmkonflikte wider. Doch je weiter wir von den Ereignissen entfernt sind, die diese Spaltungen ausgelöst haben, desto mehr verlieren sie an Bedeutung.
Der deutlichste Beweis dafür ist, dass alle verschiedenen marxistischen Strömungen entlang ähnlicher Linien polarisiert sind: Krieg in der Ukraine, Imperialismus, nationale Frage, Identitätspolitik. Keine der verschiedenen marxistischen Traditionen kann eine einheitliche Antwort auf die zentralen Fragen unserer Zeit geben. Es geht nicht darum, dass die Konflikte der Vergangenheit keine Rolle spielen – wir werden ganz sicher weiterhin die trotzkistische Tradition verteidigen –, sondern darum, dass die bestehenden marxistischen Richtungen Anachronismen sind, die die zentralen Klassenfragen, mit denen unsere Bewegung heute konfrontiert ist, eher verschleiern als klären.
Wie andere Strömungen die revolutionäre Führung falsch verstehen
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“
Bevor ich darauf eingehe, wie wir damit beginnen können, die Grundlagen zur Lösung dieses Chaos zu legen, möchte ich ein paar Worte zu einigen der anderen Erklärungen sagen, die es für die Krise der revolutionären Führung gibt. Allgemein gibt es zwei spiegelbildliche Fehler. Der erste reduziert revolutionäre Führung auf objektive Ereignisse; der zweite reduziert sie auf korrekte, von der Praxis abstrahierte Ideen.
Ausprägungen dieser ersten Tendenz finden sich in Parteien wie Lutte ouvrière oder früher auch in unserer eigenen Partei. Natürlich sind das Kräfteverhältnis der Klassen, das Niveau des Klassenkampfs und das Bewusstsein in der Arbeiterklasse entscheidend dafür, welchen Einfluss Revolutionäre erlangen können. Aber auf das Objektive auf Kosten aller anderen Faktoren zu bestehen reduziert Revolutionäre darauf, auf eine andere Periode zu warten. Das Ergebnis ist Passivität und Fatalismus.
In der zweiten idealistischen Strömung vertreten die „Partyists“ eine ganz eigene Argumentation. Sie meinen, dass, wenn sich marxistische Gruppen auf ein gemeinsames Minimalprogramm einigen und eine demokratische Kultur aufrechterhalten könnten, all die verschiedenen Gruppen damit anfangen könnten, sich zu vereinen. Wie ich bereits erläutert habe, spiegeln widersprüchliche politische Strömungen widersprüchliche Klassen- oder sektorale Interessen wider. Eine Vereinigung kann nur durch die Überwindung dieser Konflikte geschehen, nicht dadurch, dass man sie hinter abstrakten Prinzipien und Formeln unter den Teppich kehrt.
Die meisten anderen Parteien sind ebenso idealistisch, doch im Gegensatz zu den „Partyists“ neigen sie dazu, die Krise unter den Kommunisten zu leugnen. Gruppen wie die Revolutionäre Kommunistische Internationale – aber eigentlich fast jede Strömung – betrachten sich selbst als die einzigen Vertreter der ununterbrochenen Tradition des Marxismus. Für diese Parteien lässt sich die Krise der revolutionären Führung auf die Schwäche ihrer eigenen Kräfte zurückführen. Natürlich sind sie dann regelrecht besessen von der Zahl der Mitglieder, die sie rekrutieren. Anstatt den Marxismus als Werkzeug zur Förderung des Klassenkampfes zu betrachten, reduzieren sie den Klassenkampf auf eine Arena, in der es darum geht, Menschen für die „richtigen“ marxistischen Ideen zu gewinnen.
Der Marxismus entwickelt ausgehend von der Analyse der objektiven Realität Ideen, die wiederum dazu eingesetzt werden können, um diese Realität zu verändern. Es ist also offensichtlich dem Marxismus entgegengesetzt, die Krise der revolutionären Bewegung entweder durch von der Realität abstrahierte Ideen zu erklären oder der objektiven Realität die Schuld zu geben, ohne ein Programm zu ihrer Veränderung anzubieten.
Politische Knoten lösen
Von proimperialistischen Bejublern der Ukraine bis hin zu „antiimperialistischen Bejublern“ Russlands – Spaltungen innerhalb der Linken spiegeln reale gesellschaftliche Konflikte wider
Nachdem wir nun klargestellt haben, dass Spaltungen in der Arbeiterbewegung ein Spiegelbild bestehender gesellschaftlicher Spaltungen sind, und nachdem wir bestimmte falsche Vorstellungen über revolutionäre Führung ausgeräumt haben, können wir endlich daran arbeiten, Lösungen zu finden.
Zunächst müssen wir uns damit befassen, wie wir den teuflischen Kreislauf aus schlechten Spaltungen und Polarisierungen innerhalb der Linken überwinden können. Die Antwort auf diese Frage ist wiederum ganz grundlegend: Wir müssen mit allen Formen bürgerlicher Ideologie brechen. Nun, schreibt mich noch nicht ab. Ich weiß, dass es eine Karikatur ist, wenn kleine Gruppen verkünden, sie allein auf der Welt hätten ein für alle Mal mit dem Reformismus gebrochen. Das ist nicht, worauf ich hinauswill.
Die abstrakte Proklamation, man habe mit der bürgerlichen Ideologie gebrochen, ist bedeutungslos. Die IKL erhebt keinen solchen Anspruch. Stattdessen versuchen wir eine Methode darzulegen, mit der reaktionäre bürgerliche Polarisierungen überwunden werden können.
In der Regel stellt jeder politische Konflikt die Arbeiterklasse vor zwei bürgerliche Alternativen. Ob es nun um einen Krieg, einen Streik oder eine heikle soziale Frage geht – Revolutionäre müssen eine eigenständige proletarische Lösung entwickeln, die über diese falsche Alternative hinausgeht. Unser Ausgangspunkt muss immer sein, für den Sieg einer proletarischen Alternative gegen alle angebotenen Alternativen zu kämpfen. In dem Moment, wo man dies aus den Augen verliert und unser Ziel lediglich darin besteht, bestehende Kräfte zu beeinflussen, können wir nicht mehr davon sprechen, ein unabhängiger proletarischer Faktor zu sein.
Dennoch wäre es ein primitiver Fehler, alle Auseinandersetzungen mit bürgerlichen Programmen pauschal als gleichermaßen reaktionär darzustellen. Die Arbeiterklasse muss in solchen Konflikten oft Partei ergreifen. Im Krieg gegen den Iran, wie in allen imperialistischen Angriffskriegen, besteht der einzige Weg zur Einheit der Arbeiterklasse darin, die unterdrückte Nation – in diesem Fall den Iran – zu verteidigen. Die Position, die wir in jedem Konflikt einnehmen, muss sich stets daran orientieren, was die Interessen des gesamten Proletariats fördert, und nicht die eines Teils der Klasse auf Kosten eines anderen.
Viele Marxisten belassen es dabei; sie ergreifen Partei, während sie ihre politische Unabhängigkeit bekunden und revolutionäre Forderungen stellen. Doch revolutionäre Führung erfordert mehr, als nur auf der richtigen Seite zu stehen. Es ist unerlässlich, auch danach zu streben, die Beschränkungen zu überwinden, die bürgerliche Führungen fortschrittlichen Anliegen auferlegen. Nehmt zum Beispiel den Kampf für die Befreiung von Transmenschen. Es ist sicherlich notwendig, sich gegen TERFs [trans exclusionary radical feminist – Feministinnen, die Transpersonen ausschließen] zu stellen. Doch um der Bewegung eine Perspektive zu bieten, sich inmitten der gewaltigen Welle der Reaktion, der sie ausgesetzt ist, weiterzuentwickeln, müssen wir einen entschlossenen Kampf gegen die liberale Ideologie führen, die die Bewegung dominiert. Es geht nicht darum, Plattitüden über die Beseitigung von Geschlechterspaltung im Kommunismus zu rezitieren – obwohl wir dafür sind –, sondern konkret aufzuzeigen, wie der Marxismus ein unverzichtbares Werkzeug ist, um den Kampf von Transpersonen voranzubringen.
Die Schwierigkeit liegt in der Ausarbeitung einer Strategie, die die bestehenden Führungen wirksam herausfordern kann. Um eine klassenmäßige Lösung durchzusetzen, muss man die Widersprüche auf beiden Seiten eines Konflikts betrachten und die reaktionären Interessen der Bourgeoisie von den legitimen sozialen Bestrebungen der Massen entflechten. Das mag abstrakt betrachtet einfach klingen. In der Realität ist es oft der schwierigste Teil revolutionärer Politik.
Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine kämpfen beide Seiten für reaktionäre Ziele. Doch beide stützen sich auch auf berechtigte Anliegen. Die Russen sind seit Jahrzehnten westlicher Aggression ausgesetzt, und russische Minderheiten in der Ukraine wurden von dem Post-Maidan-Regime unterdrückt. Die Ukraine ihrerseits hat berechtigte Gründe, gegen die russische Aggression um ihre nationale Existenz zu kämpfen. Um die reaktionäre Polarisierung zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern zu überwinden, ist es notwendig, sich auf die fortschrittliche Seite ihrer jeweiligen Bestrebungen zu konzentrieren und aufzuzeigen, dass diese Ziele mit der Strategie der Bourgeoisie nicht erreicht werden können. Für die Ukraine untergräbt die Ausrichtung auf den Westen zusammen mit den Versuchen, Gebiete mit russischer Bevölkerungsmehrheit zurückzuerobern, das nationale Überleben des Landes. Im Falle Russlands wird die Unterdrückung der Ukrainer den Kampf gegen den westlichen Imperialismus zurückwerfen, indem nationale Gegensätze dauerhaft geschürt werden.
Diese grundlegende Methode ist unerlässlich, damit die Arbeiterklasse ihre eigenen Klasseninteressen vorantreiben kann und nicht länger gezwungen ist, zwischen schlechten Alternativen zu wählen. Doch sie ist keine Garantie. Das Leben ist immer komplizierter als die Theorie. Sicher ist jedoch: Ohne den bewussten Versuch, proletarische Lösungen für soziale Polarisierungen anzubieten, kann von revolutionärer Führung keine Rede sein, und es kann auch nicht davon die Rede sein, die Spaltungen innerhalb der marxistischen Linken zu überwinden.
Die Dynamik des Weltgeschehens
Ich habe für die grundlegende Methodik der IKL plädiert und dargelegt, wie sie dazu beitragen kann, viele der Konflikte innerhalb der Linken zu überwinden. Wie wir jedoch alle wissen, reicht es nicht aus, die richtigen Ideen zu haben; diese Ideen müssen auch angenommen werden. Angesichts unserer Größe ist es berechtigt zu fragen, wie wir überhaupt erwarten können, einen entscheidenden Einfluss auf den Rest der marxistischen Linken auszuüben, geschweige denn auf den Klassenkampf. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir unsere Aufgaben über die Grenzen unserer eigenen kleinen Organisation hinaus betrachten und die politische Strömung, die wir vertreten, vor dem Hintergrund der großen weltpolitischen Ereignisse einordnen.
Unser Selbstvertrauen beruht nicht grundlegend auf den Fähigkeiten unserer Mitglieder, unserer Größe oder unseren Ressourcen. Es beruht auf der Dynamik des Klassenkampfes selbst. Unsere politische Perspektive weist den Weg zur Lösung des zentralen politischen Widerspruchs der gegenwärtigen Epoche. Einerseits stürzt das US-Imperium die Welt in einen Kreislauf der Barbarei, um seine Hegemonie zu verteidigen, und andererseits fehlt es an einer Kraft, die bereit und fähig ist, dem ein fortschrittliches Ende zu bereiten.
Die Ereignisse selbst werden sowohl die dringende Notwendigkeit, das US-Imperium zu besiegen, als auch die Unzulänglichkeit der angebotenen nicht-revolutionären Lösungen aufzeigen. Die objektive Situation selbst wird eine unabhängige Alternative der Arbeiterklasse zu diesem wachsenden Widerspruch erfordern. Deshalb können wir, obwohl unsere Strömung gemessen an den Kräften, die sie vertritt, kaum existent ist, von ihrem politischen Potenzial überzeugt sein.
Wir behaupten nicht, dass die Geschichte unser Programm mechanisch bestätigen wird, wie es jede marxistische Strömung behauptet. Unser Vertrauen beruht auf etwas Konkreterem: Unser Programm greift einen Widerspruch auf, den der objektive Lauf der Ereignisse immer wieder in den Vordergrund rücken wird.
Nichts davon sollte Selbstzufriedenheit ermutigen. Wenn uns die Erfahrung des Kalten Krieges eines lehrt, dann ist es, dass objektiver Druck allein nicht ausreicht. Trotz der Notwendigkeit einer revolutionären Lösung für die Polarisierung zwischen der stalinistischen Welt und dem Imperialismus ist die trotzkistische Bewegung bei ihrer historischen Aufgabe grundlegend gescheitert. Die Geschichte bietet Chancen. Sie ergreift sie nicht für uns. Hier kommt dem Aufbau eines politischen Werkzeugs, das das lebendige Instrument des revolutionären Programms sein kann, seine volle Bedeutung zu.
Von der Perspektive zur Praxis: Der Aufbau der IKL
Kontingent der Spartakisten auf Palästina-Demonstration in London während des Zwölf-Tage-Krieges, Juni 2025
Bislang habe ich die allgemeine politische Perspektive hervorgehoben, die unsere Arbeit leiten muss. Ich habe versucht zu zeigen, wie die IKL zur Bewältigung der historischen Herausforderung beitragen kann, vor der unsere Bewegung steht. Dieses Verständnis ist unerlässlich, um unseren Anstrengungen und Opfern in den schwierigen Zeiten, vor denen wir stehen, einen Sinn zu geben. Aber vom Allgemeinen müssen wir zum Besonderen zurückkehren und zur Frage, wie wir mit den Kräften, die uns derzeit zur Verfügung stehen, unsere Sache vorantreiben können.
Bevor wir darüber sprechen, was wir tun sollten, müssen wir ehrlich darüber sein, wo wir stehen. In seinem Artikel „Marxistische Politik oder prinzipienlose Blockbildung?“ aus dem Jahr 1936 spricht Max Shachtman von den drei Entwicklungsstufen einer revolutionären Organisation:
„Eine Propagandagruppe, die sich darauf konzentriert, die ersten Kader auf der Grundlage klar definierter Prinzipien zu festigen; dann eine aktivere Gruppe im Übergangsprozess zu einer Massenbewegung …; schließlich die größere Bewegung, die sich nicht nur als Partei bezeichnet, sondern auch die Verantwortung wahrnehmen kann, die einer Organisation obliegt, die beansprucht, sowohl die alltäglichen als auch die historischen Interessen des Proletariats zu verteidigen.“
Die IKL befindet sich in einer ziemlich widersprüchlichen Lage. Wir sind eine alte Organisation. Aber eine, die eine dramatische Erneuerung durchlaufen hat. In vielerlei Hinsicht befinden wir uns noch in der Anfangsphase unserer Entwicklung. Der Großteil unserer Mitglieder besteht aus älteren Genossen, die ihr Leben dem Aufbau der Partei gewidmet haben, und wir fangen gerade erst an, eine jüngere Schicht von Führungskadern aufzubauen. Gleichzeitig haben wir wichtige Interventionen in ein immer breiteres Spektrum von Kämpfen unternommen, von Verteidigungskampagnen über Streiks bis hin zu kleinen Einheitsfront-Initiativen.
Insgesamt befinden wir uns in einer sehr heiklen Lage. Diese Konferenz veranschaulicht sehr gut, dass wir als Organisation politisch reif sind, organisatorisch jedoch noch in den Kinderschuhen stecken. Die Knappheit unserer Kräfte macht die Bemühungen jedes einzelnen unserer Genossen umso wichtiger. Der Verlust auch nur weniger Genossen in bestimmten kritischen Bereichen könnte uns erheblich zurückwerfen. Gleichzeitig bieten die aktuellen politischen Turbulenzen innerhalb der Linken gewisse Öffnungen, die zu einer raschen Transformation unserer Partei führen könnten. Durch unsere jüngste Arbeit haben wir eine Anhängerschaft gewonnen, die wir zuvor nicht hatten. Dies hat sich jedoch noch nicht in bedeutenden organisatorischen Erfolgen niedergeschlagen.
An die Genossen, die unsere grundlegenden Perspektiven teilen: Wir brauchen eure Hilfe als Mitglieder der IKL. Eine revolutionäre Strömung baut sich nicht von selbst auf; sie braucht eine organisierte Kraft, die sie zu einer materiellen Kraft im Klassenkampf und zu einem Einflussfaktor auf den Lauf der Ereignisse macht.
Fazit: Wie sieht eine revolutionäre Umgruppierung aus?
Gründung der Komintern: großartigste revolutionäre Umgruppierung der Geschichte
Ich möchte diesen Bericht mit der Frage nach der revolutionären Umgruppierung abschließen. Die Zersplitterung der marxistischen Linken und die bevorstehenden Umwälzungen in der Welt rücken diese Frage immer mehr in den Vordergrund. Die Notwendigkeit einer revolutionären Umgruppierung zu erkennen ist eine Sache; zu verstehen, wie sie tatsächlich geschehen kann, ist eine andere.
Derzeit ist die Krise der marxistischen Linken einer breiten Umgruppierung der Kräfte nicht förderlich. Wenn überhaupt, beobachten wir eine verstärkte Tendenz zu Spaltung und Sektierertum. Aber wir können auch Anfänge einer Gegenbewegung erkennen – Einzelpersonen, Gruppen und Parteien, die Lehren ziehen und nach einem Weg nach vorn suchen. Innerhalb dieser Schicht besteht Potenzial für eine Umgruppierung, aber wir müssen uns über das Ausmaß hier sehr im Klaren sein. Vorerst sprechen wir von einer kleinen Minderheit.
Diese anfänglichen kleinen Umgruppierungen müssen als Schritte zum Aufbau eines Hebels betrachtet werden, der später viel größere Neuausrichtungen innerhalb unserer Bewegung bewirken kann. Wenn das alles ziemlich ehrgeizig klingt, stellt sich natürlich die Frage: Wo fangen wir eigentlich an?
Wir haben gesehen, wie die Führungskrise in dem Fehlen einer soliden proletarischen Basis begründet ist. Daraus folgt, dass es keine Lösung für dieses Problem geben kann, ohne eine revolutionäre Strömung in der Arbeiterklasse selbst zu verankern. Dies ist grundlegend dafür, der marxistischen Linken soziale Macht und politische Kohärenz zu verleihen. Ansonsten sind wir dazu verdammt, kleine intellektuelle Zirkel zu bleiben, die mit Ideen spielen. In diesem Sinne ist unsere Arbeit in den Betrieben nicht nur wegen der unmittelbaren Kämpfe, die wir führen, wichtig, oder weil sie das Verständnis unserer Partei für die Realität vertieft. Sie ist unerlässlich, weil sie der einzige Weg ist, eine revolutionäre Strömung aufzubauen, die in der Avantgarde der Arbeiterklasse verwurzelt ist. Durchbrüche in diesem Arbeitsbereich werden nicht leicht zu erreichen sein, aber sie haben das Potenzial, den Charakter unserer Bewegung grundlegend zu verändern.
Wir haben auch gesehen, wie die Krise des Imperialismus der zentrale Faktor sein wird, der eine revolutionäre Strömung vorantreibt. Eine echte Perspektive für eine revolutionäre Umgruppierung bedeutet, darauf abzuzielen, den Schwerpunkt der internationalen Linken völlig von den westlichen Ländern weg zu verlagern und sich den Millionen zuzuwenden, die am stärksten unter dem imperialistischen Joch leiden. Die geringen, aber überproportionalen Ressourcen, die den Marxisten im Westen zur Verfügung stehen, müssen eingesetzt werden, um die Bewegung im Globalen Süden voranzutreiben.
Und schließlich, wenn wir an revolutionäre Umgruppierung denken, müssen wir auf das großartigste Beispiel der Geschichte blicken: die Gründung der Dritten Internationale. Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution waren natürlich der Auslöser für die historische Meisterleistung, Revolutionäre in einem beispiellosen internationalen Ausmaß umzugruppieren, doch dies wurde durch den langen und geduldigen Kampf der russischen bolschewistischen Partei vorbereitet.
Glücklicherweise sind wir nicht die ersten Revolutionäre, die mit einer Periode wie der heutigen konfrontiert sind. In „Der ‚Linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ beschreibt Lenin die erste Phase dieses Kampfes in den Jahren 1903–05, die er als Jahre der Vorbereitung auf die Revolution bezeichnet. Er erklärte, wie es in dieser Zeit ablief:
„Die Vertreter der drei Hauptklassen, der drei wichtigsten politischen Strömungen – der bürgerlich-liberalen, der kleinbürgerlich-demokratischen … und der proletarisch-revolutionären –, nehmen im äußerst erbitterten Kampf der programmatischen und taktischen Auffassungen den kommenden offenen Kampf der Klassen vorweg und bereiten ihn vor… Im Kampf der Presseorgane, Parteien, Fraktionen und Gruppen kristallisieren sich jene ideologischen und politischen Richtungen heraus, die wirklich klassenmäßig bestimmt sind; die Klassen schmieden sich die nötigen ideologischen und politischen Waffen für die kommenden Schlachten.“
Das ist die Phase, in der wir uns heute befinden. Unsere Aufgabe besteht, wie damals, darin, die politischen und ideologischen Waffen für die bevorstehenden Kämpfe zu schmieden.
Wenn wir auch nur die geringste Hoffnung haben wollen, unserer historischen Aufgabe gerecht zu werden, müssen wir eine politische Strömung schmieden, die in der Lage ist, den großen politischen Herausforderungen unserer Epoche zu begegnen – und wir brauchen eine Partei, die dieser Strömung im Klassenkampf Fleisch und Blut verleiht.
Wir können uns keine weitere Generation steriler und zersplitterter Marxisten leisten. Es ist keine Zeit zu verlieren.

