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https://iclfi.org/spartacist/de/37/iv-internationale

Diese für die Veröffentlichung überarbeitete Präsentation wurde im Juli 2026 auf der Neunten Internationalen Konferenz der IKL in Mexiko-Stadt gehalten.

1933, nach Hitlers Machtübernahme und dem katastrophalen Verrat der Komintern an der deutschen Arbeiterklasse, erklärte Trotzki die Dritte Internationale im Hinblick auf die proletarische Revolution für tot und rief zur Gründung einer neuen, Vierten Internationale auf. Fünf Jahre Kampf gegen unglaubliche Widrigkeiten – von staatlicher Repression über stalinistischen Verrat bis hin zu faschistischen Siegen – führten 1938 zum Gründungskongress der Vierten Internationale. Das Gründungsdokument, das als Übergangsprogramm bekannt wurde, gab ein stolzes und trotziges Versprechen ab: die internationalistischen Kräfte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs unter einem klaren Banner zu vereinen und jene Kader zusammenzuschweißen, die zwar zahlenmäßig gering waren, aber dennoch „die Zukunft der Menschheit“ darstellten.

Tragischerweise konnte die Vierte Internationale dieses Versprechen nicht einlösen. Der Krieg hätte die Organisation beinahe zerstört. Unzählige unserer besten Genossen, die heldenhaft unter unvorstellbar schwierigen Umständen gekämpft hatten, wurden von Faschisten oder Stalinisten ermordet – angefangen bei Trotzki selbst, genau hier in dieser Stadt. Und nach dem Krieg sah sich die Vierte Internationale einer Welt gegenüber, die sie nicht verstehen konnte, und die meisten ihrer Parteien blieben kleine Gruppierungen.

Bis 1953 hatte sich die Vierte Internationale auf verhängnisvolle Weise gespalten. Und diese Splittergruppen spalteten sich ihrerseits immer wieder, meist in verwirrenden und undurchsichtigen Auseinandersetzungen. Im Schnelldurchgang betrachtet gab es bis heute mindestens 71 verschiedene rivalisierende internationale Strömungen, die den Mantel des Trotzkismus für sich beanspruchten, von denen wenigstens 35 noch existieren (laut den Recherchen des Genossen Markov). Und jede dieser Strömungen würde sich selbst als die wahre Fortführung des Trotzkismus proklamieren, gegen alle anderen „Revisionisten“. Dies sind die Symptome einer Bewegung in der Krise, die wir verstehen müssen, wenn wir heute den Anspruch erheben wollen, revolutionäre Kräfte zu vereinen.

Achtundachtzig Jahre sind seit dem Gründungskongress der Vierten Internationale vergangen. Die Welt hat sich stark verändert: vom Aufstieg neuer Arbeiterstaaten bis zur konterrevolutionären Zerstörung der UdSSR. Doch wieder haben wir es mit genau denselben Fragen zu tun, die weitaus erfahreneren Kadern das Genick gebrochen haben. Die Hegemonie der USA, die sich etablierte, als die Trotzkisten aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs hervorgingen, ist nun im Niedergang begriffen und die USA schlägt weltweit um sich, um ihre Position zu behaupten. Nationalistische Kräfte, die in einen Konflikt mit dem US-Imperialismus gedrängt werden, üben eine starke Anziehungskraft auf unterdrückte Völker aus. Das wichtigste Gegengewicht zum amerikanischen Imperium ist die Kommunistische Partei Chinas – genau jene Partei, über deren Machtübernahme im Jahr 1949 die Unterstützer der Vierten Internationalisten so zutiefst desorientiert waren. Und die revolutionäre Bewegung befindet sich heute in einem noch tieferen Zustand der Schwäche, Desorientierung und Isolation von der Arbeiterklasse. Entweder wir lernen aus dieser Geschichte oder wir sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Geschichte und Methode

Genesis of Pabloism
 

Artikel von 1972 präsentierte die Analyse von Spartacist über die Degeneration der Vierten Internationale

Wie können wir aus der Geschichte lernen, wenn die trotzkistische Bewegung unfähig ist, ihre eigene Geschichte zu erzählen? Für die Anti-Pabloisten zerstörte Michel Pablo, der fast karikaturhaft als Bösewicht dargestellt wird, im Alleingang die Internationale, indem er plötzlich dem Opportunismus verfiel. Für Pablos Verteidiger waren Cannon und Healy bloße sterile Dogmatiker, die in ihren Gewohnheiten feststeckten. Für die Tendenz von Workers Power (in Deutschland Gruppe ArbeiterInnenmacht) wurde die Internationale von „Epigonen“ zerstört, die Trotzkis Lehre aufgaben. Die Revolutionary Communist International (RCI, in Deutschland Revolutionäre Kommunistische Partei, RKP) predigt, dass allein Ted Grant die Dialektik verstanden hätte, während alle anderen davon keine Ahnung hatten. Und in „Ursprünge des Pabloismus“ (1972) beharrte unsere eigene Tendenz – trotz echter Einsichten – darauf, dass Cannon die Fackel der „revolutionären Kontinuität“ hochhielt, obwohl er an steriler Orthodoxie festhielt.

Für die meisten jungen Aktivisten heute erscheint die Geschichte der Vierten Internationale wie ein unverständliches Gewirr obskurer Streitigkeiten. Und sie erscheint unverständlich, weil sie es ist – zumindest mit dieser Methode. Geschichte wird auf persönlichen Verrat und psychologische Defizite reduziert, wobei die verschiedenen Tendenzen darüber streiten, wer was vor Jahrzehnten in irgendeinem Artikel oder internen Bulletin geschrieben hat. Diese Verwirrung ist kein Zufall. Sie ist ein Spiegelbild der Krise unserer Bewegung. Jede Strömung schreibt Geschichte vom Standpunkt ihrer eigenen Existenz aus und ist gezwungen, eine ununterbrochene Linie der Orthodoxie zu schaffen, die praktischerweise bei ihrer eigenen kleinen Gruppe als den einzigen „wahren Erben“ des Trotzkismus endet. Deshalb kann man aus all dem keinen Sinn erkennen. Für diejenigen außerhalb der trotzkistischen Bewegung ist es jedoch völlig offensichtlich, dass sich unsere gesamte Bewegung seit 1945 in einer Krise befindet.

Wer hat Recht und wie lässt sich das feststellen? Beim Studium der Vierten Internationale ergibt sich direkt die Frage: Was ist revolutionäre Führung? Organisationen, die behaupten, revolutionär zu sein, können nicht anhand programmatischer Reinheit auf dem Papier, anhand der persönlichen Qualitäten ihrer Führer oder gar anhand der Genauigkeit ihrer Prognosen beurteilt werden. Der wahre revolutionäre Charakter einer Tendenz wird konkret im Verlauf großer Ereignisse auf die Probe gestellt: Hat sie einen Kurs des Kampfes eingeschlagen, der die Interessen der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit vorantreibt? Oder wurde sie zum Werkzeug einer anderen Klasse?

Das ist keine Abstraktion. In der Nachkriegszeit entstand das amerikanische Imperium und der Kalte Krieg gegen die UdSSR wurde entfesselt. Die Rote Armee liquidierte die Kapitalistenklassen in der Hälfte Europas. Es kam zu sozialen Revolutionen der Massen unter der Führung stalinistischer Kräfte in Jugoslawien, China und Korea. Und es gab eine gewaltige Welle kolonialer Aufstände unter nationalistischer Führung. Das sind die Prüfsteine. Die Frage, die man stellen muss, um Revolutionäre zu bewerten, muss lauten: Waren sie in der Lage, auf der richtigen Seite der Barrikaden zu stehen? Und wenn ja, haben sie eine eigenständige Strategie vorgelegt, um diese Kämpfe wirklich voranzubringen – eine Strategie, die imstande war, die Massen von ihren nicht-revolutionären Führern loszulösen?

Aus dieser Perspektive betrachtet wird offensichtlich, dass keine der Tendenzen der Vierten Internationale dieser Herausforderung gewachsen war. Das bedeutet nicht, dass nicht doch bestimmte Tendenzen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage waren, eine revolutionäre Intervention durchzuführen. Und es negiert sicher nicht den Mut und die Entschlossenheit tausender Militanter, die aufrichtig für die Vierte Internationale kämpften und dafür manchmal mit ihrem Leben bezahlten. Doch um sicherzustellen, dass ihre Opfer nicht umsonst waren, müssen wir eine schlüssige Erklärung für den Zusammenbruch unserer Bewegung entwickeln – eine, die eigennützige fraktionelle Fabeln zurückweist und direkt zur Wurzel der Krise unserer Bewegung vordringt.

Books: The Heritage We Defend, The Long March of the Trotskyists, The Unbroken Thread
 

„Jede Strömung schreibt Geschichte vom Standpunkt ihrer eigenen Existenz aus und ist gezwungen, eine ununterbrochene Linie der Orthodoxie zu schaffen, die praktischerweise bei ihrer eigenen kleinen Gruppe endet.“

These

Die zentrale Aufgabe in der Nachkriegswelt war der Kampf gegen das amerikanische Imperium. Die Aufgabe der Trotzkisten bestand darin, eine internationalistische und revolutionäre Strategie zu entwickeln, wie der US-Imperialismus zu besiegen ist – im Gegensatz zu den Strategien der Stalinisten und Nationalisten, den Hauptkräften, die die Arbeiter und Unterdrückten anführten.

Weder die Pabloisten noch die Anti-Pabloisten waren dazu in der Lage. Nach dem Krieg zog sich die Bewegung auf starre, aus der Vorkriegszeit stammende Dogmen zurück. Wie ich erläutern werde, brachte diese sterile Orthodoxie eine Stalinophobie hervor, die in der Hitze des Kalten Krieges eine scharfe Gegenreaktion in die entgegengesetzte Richtung auslöste: die Auflösung im Stalinismus und Nationalismus – was dann als „Pabloismus“ bezeichnet werden wird. Da letztlich beide Strömungen die Bewährungsprobe nicht bestanden, konnte keine von ihnen die eigenständige Existenz des Trotzkismus als lebendige, notwendige politische Kraft für die Arbeiterklasse in der Nachkriegszeit rechtfertigen. Das ist die eigentliche Ursache für die Spaltung von 1953 sowie für die endlose Abfolge von Spaltungen in immer kleinere Gruppierungen.

Sollen wir dieses Erbe also einfach wegwerfen? Das würde nur die Wiederholung derselben Fehler garantieren. Jede Tendenz in der Vierten Internationale spiegelte einen Teil der sozialen Realität wider und enthielt ein Körnchen Wahrheit. Die Pabloisten verstanden, dass Revolutionäre sich mit den Massen verbinden mussten, besonders in den nationalen Befreiungsbewegungen. Was die Anti-Pabloisten betrifft, so verstanden sie, dass das marxistische Programm gegen die Sackgasse des Nationalismus und des Stalinismus verteidigt werden musste. Beide hatten Recht, doch beiden fehlte eine Methode, um diese Elemente zu vereinen. Genau das ist das Wesentliche einer revolutionären Führung. In zwei zerbrochene Hälften gespalten war die Bewegung zu einer falschen Wahl zwischen opportunistischer Liquidierung und sektiererischer Isolierung verdammt.

Ich kann heute nicht die gesamte Geschichte der Vierten Internationale erzählen. Jedoch kann ich versuchen, einige wichtige politische Lehren herauszuarbeiten, die für unsere Aufgaben notwendig sind.

Die Nachkriegswelt

Hiroshima, 1945
Universal History Archive/UIG

Hiroshima, 1945: Der Abwurf der Atombombe signalisierte die Nachkriegs-Hegemonie des US-Imperialismus

Das Ende des Zweiten Weltkriegs schlug ein neues Kapitel in der Geschichte auf. Es zerriss zugleich das Drehbuch, auf das sich die trotzkistische Bewegung über ein Jahrzehnt lang gestützt hatte. Die trotzkistischen Kader gingen mit einer Prognose ins Jahr 1945, die aus der Vorkriegszeit stammte. Die Vierte Internationale sagte einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Einbruch, den Zusammenbruch der sowjetischen Bürokratie und die rasche Diskreditierung der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien voraus, da diese die revolutionäre Welle der Nachkriegszeit verraten würden. Die Geschichte nahm jedoch eine unvorhergesehene Wendung.

Während das vorübergehende diplomatische Theater von Jalta und Potsdam die neue Weltordnung zunächst verschleierte – wobei die UdSSR mit ihren Verbündeten zusammenarbeitete, um die Welt untereinander aufzuteilen und revolutionäre Möglichkeiten zu zerschlagen –, vollzog sich ein tiefgreifender struktureller Wandel. Der Abwurf der Atombombe und die vollständige Vorherrschaft der USA über alle anderen kapitalistischen Mächte signalisierten das Ende der multipolaren, interimperialistischen Rivalitäten zwischen den Imperialisten. An ihre Stelle trat nun das amerikanische Imperium.

Durch ihre finanzielle, industrielle und militärische Vorherrschaft bauten die USA die alten imperialistischen Mächte (Japan, Deutschland sowie Frankreich und Britannien) wieder auf und vereinigten sie unter ihrer Führung. Anstatt in eine Wirtschaftskrise zu versinken, gelang es den USA, ihre enormen Ressourcen und ihre weltweite Ausbeutung zu mobilisieren, um die kapitalistische Weltwirtschaft zu stützen und die bürgerliche Demokratie in Europa wiederherzustellen. All dies diente einem einzigen Zweck: die Sowjetunion zu konfrontieren und zu zerschlagen.

Die sowjetische Armee befreit Berlin, Mai 1945
Yevgeny Khaldei/DPA

Die sowjetische Armee befreit Berlin, Mai 1945

Auf der anderen Seite ging die sowjetische Bürokratie massiv gestärkt aus dem Krieg hervor. Die Rote Armee besetzte die Hälfte Europas, und die Kommunistischen Parteien genossen die Loyalität von Millionen von Arbeitern. Zwar brach in Westeuropa eine revolutionäre Welle aus, doch wurde sie von den Stalinisten im Keim erstickt. Stattdessen verlagerte sich der Schwerpunkt der revolutionären Kämpfe in die koloniale Welt, wo sich eine jahrzehntelange Welle gewaltiger Aufstände entfaltete, die das Vakuum ausnutzte, das durch die Niederlage Japans und den Niedergang der alten britischen und französischen Imperien entstanden war. Diese Millionen von Aufständischen suchten ihre Führung nicht bei den kleinen Gruppen der Vierten Internationale, sondern bei mächtigen stalinistischen und nationalistischen Kräften.

Ausnahmen bildeten Bolivien, Sri Lanka und Vietnam, wo es den Trotzkisten gelang, Masseneinfluss zu gewinnen. Auf diese speziellen Fälle werde ich jedoch nicht näher eingehen, da sie einer eigenen Untersuchung bedürfen.

Die große Desorientierung

Cannon, Pablo, Mandle
Pathfinder; Dick Coersen/ANP/Redux; Penta Springs Limited

Von links: James P. Cannon, Michel Pablo, Ernest Mandel

Die meisten Parteien der Vierten Internationale befanden sich in einer Situation der Isolation und waren zutiefst desorientiert. Die Führer der Bewegung – von Michel Pablo und Ernest Mandel, die aus dem Untergrund in Europa hervorgingen, bis hin zu James P. Cannon in den USA – erwiesen sich als unfähig, diese neue Realität mit dem wörtlichen Text des Übergangsprogramms von 1938 in Einklang zu bringen. Anstatt auf neue Probleme mit neuen Antworten zu reagieren, klammerten sie sich an veraltete Vorhersagen und zogen sich in eine defensive, starre Orthodoxie zurück. Jahr für Jahr wurde in offiziellen Dokumenten und Resolutionen hartnäckig ein bevorstehender wirtschaftlicher Zusammenbruch, der Aufstieg des Bonapartismus in Europa und der kommende dritte Weltkrieg vorausgesagt, völlig blind gegenüber der Stabilisierung des Kapitalismus, die sich in Europa vollzog.

Diese Desorientierung lähmte ihre Strategie gegenüber den Massen. Die Führer der Vierten Internationale gingen mechanisch davon aus, dass der wiederholte Verrat der Stalinisten automatisch die Massen in die Reihen der Vierten Internationale treiben würde. Dazu war es nur nötig, den stalinistischen Verrat in der Vergangenheit und der Gegenwart anzuprangern und Übergangsforderungen aufzustellen – formalistisch hochgehalten als Lösung für jedes Problem – und voilà.

In den Thesen der Zweiten Internationalen Konferenz von 1946 hieß es:

„Auf der anderen Seite bedeutet das Ansteigen der Mitgliederzahlen der traditionellen Organisationen in Europa, vor allem in den stalinistischen Parteien, das erste Stadium der Radikalisierung der Massen und diese hat jetzt nahezu überall den Höhepunkt erreicht. Die Phase des Verfalls hat begonnen.“

– „Der neue imperialistische Friede und der Aufbau der Parteien der IV. Internationale“ (Sonderausgabe von Ergebnisse und Perspektiven Nr. 2-3, 1976)

In den USA prognostizierte die Socialist Workers Party (SWP) in ihrem Hauptdokument von 1946, „Thesen zur amerikanischen Revolution“, einen Zusammenbruch der Wirtschaft sowie Aufstände der Arbeiterklasse, ignorierte völlig die Kommunistische Partei und sagte eigene ununterbrochene Erfolge voraus. Die Bolschewistisch-Leninistische Partei Indiens bekämpfte Ghandis Kongresspartei in der Annahme, dass diese aufgrund ihres bürgerlichen Charakters niemals in der Lage sein werde, Indien von der britischen Herrschaft zu befreien – ein Kurs, der bald ein böses Erwachen erfahren sollte. In Palästina versäumte es die Vierte Internationale, sich während der Nakba auf die Seite der arabischen Kräfte zu stellen (siehe „Marxisten und Palästina: 100 Jahre Versagen“, deutschsprachiger Spartacist Nr. 35, 15. Dezember 2025).

Gefangen in steriler Orthodoxie war die Vierte Internationale nicht in der Lage zu verstehen, wie der Kalte Krieg stalinistische und nationalistische Führer in eine Konfrontation mit dem amerikanischen Imperium und seinen imperialen Partnern zwang. Da sie diese lebendigen Dynamiken nicht erfassen konnte, tat sie die massive Unterstützung der Massen für diese Führungen als bloß subjektive und vorübergehende Verwirrung ab. Außerstande, sich mit den tatsächlichen Widersprüchen innerhalb dieser Bewegungen auseinanderzusetzen, zog sie sich in einen abstrakten, eurozentrischen Rahmen zurück – sie bekräftigte zwar verbal ihre Unterstützung der kolonialen Revolution, blieb aber politisch blind für deren wahre Bedeutung und die spezifischen Aufgaben.

Abgetane Warnungen: Morrow und Grant

Es gab zahlreiche Versuche von Kadern, diesen sterilen Rahmen infrage zu stellen, insbesondere von der Goldman-Morrow-Fraktion in der amerikanischen SWP und von der britischen Revolutionary Communist Party (RCP).

Gegen die SWP-Mehrheit argumentierte Felix Morrow, dass der US-Imperialismus enorme Ressourcen nach Europa pumpte, wodurch der Kapitalismus stabilisiert wurde und die katastrophenhaften Vorhersagen der Internationale völlig hinfällig wurden. Morrow wurde als ein „Rechter“ abgetan, der das sozialistische Programm zugunsten demokratischer Forderungen aufgeben wolle, doch in Wirklichkeit bekämpfte er die maximalistische Haltung der Bewegung. Er erkannte ein wirkliches Aufleben demokratischer Illusionen unter den europäischen Arbeitern und bestand darauf, dass demokratische Forderungen unerlässlich seien, um mit den massenhaften sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien konkurrieren zu können. So schrieb er:

„Das Problem aller Probleme besteht darin, die Massen von der SP und der KP loszureißen. Der Weg dahin führt über die entscheidenden politischen Fragen, die tatsächlich auftreten und den Massen entscheidend erscheinen, und nicht über die Fragen, die wir für wichtig halten.“

„European Perspectives and Policy“ (Juli 1945)

Dies hatte zumindest den Verdienst, die Aufgaben auf die richtige Grundlage zu stellen. Doch die Führer der Internationale reagierten größtenteils mit Rigidität – indem sie demokratische Forderungen den sozialistischen entgegenstellten. Es war diese sterile Haltung, die Morrow in Max Shachtmans Richtung trieb und die dazu führte, dass er 1946 die Verteidigung der UdSSR ablehnte und im selben Jahr ausgeschlossen wurde. Es geht nicht darum, dass Goldman und Morrow Recht hatten. Sie neigten tatsächlich zu bürgerlich-demokratischen Illusionen. Auch vertraten sie in Bezug auf Palästina eine zionistische Position. Aber sie haben auf wirkliche Probleme hingewiesen, was bei angemessener Diskussion und Beantwortung die InternationaLsoung nach sofortigem Rückzug sowjetischer Truppen aus Osteuropa.le hätte neu ausrichten können.

Auch Jock Haston und Ted Grant von der britischen RCP kämpften gegen die falsche Analyse der Internationale. und dem Weltkongress von 1948 legte die RCP umfangreiche Änderungsanträge vor, in denen sie die frühen Phasen des Nachkriegsbooms korrekt identifizierte. Grant entlarvte die apokalyptischen Perspektiven der Internationale und charakterisierte – meiner Meinung nach zu Recht – die Situation in Europa als eine Konterrevolution in demokratischer Form. Wegen dieser Einsichten wurden Grant und seine Mitstreiter durch Healys Manöver erst an den Rand gedrängt und schließlich rausgesäubert.

Liest man Grants Kritik heute, fällt jedoch auf, wie sehr darin dieselbe akademische Methode zum Vorschein kommt, unter der die RCI – die heutigen Erben von Ted Grant – leidet. Für Grant, genau wie für die RCI, waren Perspektiven alles. Politik wurde auf eine intellektuelle Analyseübung reduziert, wobei Grants Perspektiven so gut wie nie konkrete politische Aufgaben ableiteten. Grant hatte Recht mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit – aber was bedeutete das eigentlich für die Aufgaben der Partei? Das wurde nie konkret dargelegt. Später beschrieb Grant – größtenteils zutreffend – die Prozesse, die es den Kommunistischen Parteien Jugoslawiens und Chinas ermöglichten, die Macht zu ergreifen. Doch seine Analyse beantwortete nie die grundlegendste Frage: Was sollten Trotzkisten eigentlich tun?

Die Zerschlagung der Goldman-Morrow-Tendenz und der britischen RCP führte nur dazu, dass man sich noch mehr auf einen sterilen Kurs versteifte. In der SWP wurden Cannons „Thesen zur amerikanischen Revolution“ auf demselben Parteitag verabschiedet, auf dem es zur endgültigen Auseinandersetzung mit Morrow kam.

Stalinophobie und das „Dritte Lager“

In Lehren des Oktober (1924) warnte Trotzki: „Eine Partei, die mit den historischen Aufgaben ihrer Klasse nicht Schritt hält, läuft Gefahr, zum indirekten Werkzeug anderer Klassen zu werden oder wird es auch tatsächlich.“ Genau das geschah mit der Vierten Internationale zwischen 1945 und 1948. Unfähig zu begreifen, dass der Kampf gegen das amerikanische Imperium im Kalten Krieg die Aufgabe der Epoche war, und unfähig, die Ursache des stalinistischen Einflusses zu verstehen, landete die Vierte Internationale durch ihre sterile Methode häufig dabei, dass sie vor der zunehmenden antisowjetischen Offensive des von den USA angeführten Lagers des demokratischen Imperialismus kapitulierte.

Erstens: Die Vierte Internationale erhob bereits 1946 die Losung nach sofortigem Rückzug sowjetischer Truppen aus Osteuropa. Angesichts der Einkreisung durch die USA war dies eine völlige Fehleinschätzung der Hauptkampflinie. Wo immer die Rote Armee abzog – wie im Iran und in Österreich –, trat der US-Imperialismus sofort an ihre Stelle. Was diese Losung ebenfalls außer Acht ließ, war der zutiefst widersprüchliche Charakter der Roten Armee. Zweifellos wurde sie von der sowjetischen Bürokratie dazu benutzt, Verbrechen gegen die Arbeiterklasse zu begehen, die angeprangert werden mussten. Doch als bewaffnete Faust der Sowjetunion jagte die Rote Armee auch den lokalen Kapitalistenklassen Angst und Schrecken ein. Die Forderung nach ihrem einseitigen Abzug trug nicht zur Entwicklung revolutionärer Umwälzungen bei, sondern hätte lediglich dem westlichen Imperialismus sowie den ortsansässigen Kapitalisten und Reaktionären in die Hände gespielt.

Zweitens: In den Gewerkschaften arteten die Interventionen der Trotzkisten angesichts des Verrats und der Gewalttätigkeit der Stalinisten – die sehr real waren – oft in opportunistische Blöcke mit „demokratischen“, pro-imperialistischen Elementen aus. In Frankreich unterhielt die Parti Communiste Internationaliste (PCI) einen Block mit der Führung der Gewerkschaft Force ouvrière, einer antikommunistischen Abspaltung der von der KP angeleiteten Gewerkschaft CGT. In den USA bildete die SWP während der „Roten Säuberungen“ wiederholt Blöcke mit Bürokraten, die für die Demokratische Partei waren, gegen die Kommunistische Partei. Das trug dazu bei, Trotzkisten in den Augen kommunistischer Arbeiter zu diskreditieren, weil es die Trotzkisten mit antisowjetischen, pro-imperialistischen Kräften in Verbindung brachte.

1948 Manifesto of the Fourth International: Against Wall Street and the Kremlin
 

Das Manifest des Zweiten Weltkongresses stellt US-Imperialismus und UdSSR auf die gleiche Stufe

Drittens: Das Hauptmanifest des Zweiten Weltkongresses von 1948 trug den Titel „Gegen Wall Street und den Kreml“. Inmitten des Kalten Kriegs war dies durch und durch eine Position des „Dritten Lagers“, die ein Gleichheitszeichen zwischen dem US-Imperialismus und der UdSSR setzte. Während die Dokumente des Kongresses im Allgemeinen an der Position der Verteidigung der UdSSR festhielten, sprachen sie vom Kalten Krieg in äußerst neutralen Begriffen. Unter enormem Druck seitens der demokratischen Bourgeoisie erklärten prominente interne Strömungen – wie die Johnson-Forest-Fraktion, Tony Cliff und sogar Natalia Sedowa (Trotzkis Witwe) – offen, dass die UdSSR nun „staatskapitalistisch“ oder „imperialistisch“ geworden sei, und wandten sich von ihrer Verteidigung ab.

An Dogmen festhaltend behauptete die Internationale bis 1948 stets, es sei für Bewegungen unter stalinistischer Führung unmöglich, einen gesellschaftlichen Umsturz durchzuführen. In China, wo kommunistische Kräfte unter Maos Führung der nationalistischen Guomindang eine Niederlage nach der anderen zufügten, beharrte die Vierte Internationale darauf, dass die KP nur zum Verrat fähig sei. Schlimmer noch: Chinesische Trotzkisten befürworteten einen Waffenstillstand im Bürgerkrieg und sprachen sich tatsächlich gegen den Sieg der kommunistischen Kräfte aus! Als in Osteuropa die herrschenden Klassen systematisch von der Roten Armee zerschlagen wurden, leugnete die Vierte Internationale noch stärker die Realität und beharrte beim Kongress von 1948 darauf, dass diese Staaten nach wie vor völlig kapitalistisch seien. Die Angst, dass die Anerkennung der Realität zu Versöhnlertum gegenüber dem Stalinismus führen würde, lähmte die Genossen.

Aus all diesen Gründen ist es absurd zu behaupten, die Vierte Internationale sei vor dem Auftauchen des „Pabloismus“ in irgendeiner Weise „revolutionär“ gewesen, wie wir in der Vergangenheit argumentiert haben. Und wie gleichermaßen Workers Power argumentiert, möchte ich hinzufügen. Da sich die nötigen Kader zum Aufbau revolutionärer Parteien in den stalinistischen Massenorganisationen und den militanten nationalistischen Organisationen befanden, konnte der sterile und stalinophobe Kurs der Vierten Internationale nur dafür sorgen, dass sie desorientiert und isoliert blieb.

1948: Das Jahr, in dem sich alles änderte

Portraits of Stalin and Tito at postwar demonstration in Belgrade
Alamy

Porträts von Stalin und Tito bei einer Demonstration in Belgrad nach dem Krieg

Wenige Wochen nach dem Zweiten Weltkongress 1948 brach das geopolitische Fundament zusammen: Stalin prangerte Tito, den Führer der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, öffentlich an. Bis dahin kannte die trotzkistische Bewegung den Stalinismus nur als einen monolithischen Block, der vollständig von Moskau kontrolliert wurde. Nun jedoch prangerte plötzlich eine stalinistische Massenpartei Stalin an, bediente sich dabei der Sprache des Trotzkismus und rückte Jugoslawien ins Zentrum der Weltpolitik. Das war ein tiefgreifender Schock.

Darüber hinaus offenbarte ein genauerer Blick auf die Ereignisse in Jugoslawien während und nach dem Krieg etwas ganz Außergewöhnliches. Während die Rote Armee den Kapitalismus in Osteuropa bürokratisch von oben enteignet hatte, wurde der Kapitalismus in Jugoslawien durch einen echten Massenaufstand von Arbeitern und Bauern zerschlagen – angeführt von einer stalinistischen Partei, unabhängig von Moskau. Dies war ein zweiter großer Schock, der für jeden, der an sterilen Dogmen festhielt, nur sehr schwer zu verstehen oder zu verdauen war.

Die Schockwellen setzten sich fort: Ein Jahr später, 1949, marschierte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) in Beijing ein, und Mao verkündete die Gründung der Volksrepublik China. Eine überwiegend aus Bauern bestehende Armee stürzte den Kapitalismus und vereinte das Land nach einem Jahrhundert der Demütigung und imperialistischer Ausplünderung. Nach der Russischen Revolution war dies zweifellos die bedeutendste Revolution der Geschichte. Doch die dogmatischen Vorhersagen der Vierten Internationale lauteten, dass die KPCh nichts anderes tun könne als zu verraten. Und so standen unsere Genossen vor Ort auf der falschen Seite der Geschichte!

Bald darauf, im Jahr 1950, rückte die von Stalinisten geführte Koreanische Volksarmee in Südkorea ein und löste damit den Koreakrieg aus, was die Ausweitung der sozialen Revolution auf die gesamte Halbinsel in Aussicht stellte. Das führte zu einer direkten Konfrontation zwischen dem US-Imperialismus und der Volksrepublik China. Die amerikanische SWP schreckte zurück und versäumte es, in den ersten Kriegsmonaten Partei für Nordkorea zu ergreifen.

Obwohl diese Umwälzungen von stalinistischen Kräften angeführt wurden, waren sie gewaltige Schläge gegen den Imperialismus und überwältigende Siege für die Unterdrückten. Doch sie waren auch eine theoretische Katastrophe für die Vierte Internationale. Die Bewegung fand sich völlig isoliert von den Revolutionen ihrer Zeit wieder und war unfähig, diese zu verstehen. Schlimmer noch: Diese historischen Siege wurden ausgerechnet von den Kräften angeführt, die von den Trotzkisten jahrelang als bloße Verräter abgeschrieben worden waren. Diese akute Krise war es, die Michel Pablo dazu trieb, auf eine scharfe Wende in der Internationale zu drängen – das heißt auf den „Pabloismus“.

Was ist „Pabloismus“?

In seinem berühmten Dokument „Wohin gehen wir“ aus dem Jahr 1951 argumentierte Michel Pablo, dass bald ein weltweiter Krieg zwischen dem imperialistischen Lager und dem Sowjetblock ausbrechen würde. Anfang der 1950er-Jahre, als der Koreakrieg tobte, war dies nicht allzu weit hergeholt. Pablo charakterisierte diesen bevorstehenden Konflikt als „Kriegs-Revolution“, bei der der kombinierte Druck des westlichen Imperialismus und die Mobilisierung der Massen die Kommunistischen Parteien zwingen würden, um die Macht zu kämpfen – genau wie sie es in Jugoslawien oder China getan hatten. Doch diese Vorhersage an sich war in der Internationale nicht wirklich umstritten.

Was die explosive Kontroverse entfachte, waren die Schlussfolgerungen, die Pablo daraus zog. In der Überzeugung, dass sich das historische Zeitfenster schloss, strebte er einen scharfen Bruch mit dem bisherigen Kurs der Stalinophobie an und drängte darauf, so nah wie möglich an die stalinistischen und nationalistischen Massenparteien heranzurücken, und formulierte die Taktik des Entrismus sui generis. Dies war ein Entrismus neuer Art: Trotzkisten sollten nicht im Rahmen eines schnellen, taktischen Manövers zur Spaltung dieser Massenorganisationen in sie eintreten, sondern für einen längeren Zeitraum mit dem Ziel, die interne revolutionäre Entwicklung voranzutreiben, von der er glaubte, dass sie innerhalb dieser Parteien stattfinde.

Jahrzehntelange fraktionelle Mythen haben diese Debatte völlig verzerrt. Um zu verstehen, was als Nächstes geschah, müssen wir innehalten, dieses Durcheinander politisch entwirren und ehrlich fragen: Was war richtig und was war falsch an Pablos Kurswechsel?

Pablos Kritiker

Ich werde hier etwas ziemlich Gefährliches und Beispielloses tun. Ich werde Pablo in einer Reihe von Punkten verteidigen. Es ist unerlässlich, die starren Dogmen des traditionellen Anti-Pablo-Lagers zu durchbrechen, die in einigen Fällen auch unsere eigene Tendenz wiederholt hat. Pablo versuchte, sich mit dem realen Leben auseinanderzusetzen; sein fataler Fehler bestand darin, daraus nicht-revolutionäre Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die „Blocktheorie“: Die Anti-Pabloisten schlugen große Wellen und warfen Pablo vor, die Welt durch das Prisma zweier Lager zu betrachten – einerseits das von den USA angeführte imperialistische Lager und andererseits das Lager der UdSSR und der kolonialen Revolution. Die Anti-Pabloisten behaupteten, Pablo würde den grundlegenden Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse ausradieren. Das war eine rigide, undialektische Kritik. Während des Kalten Krieges kam der globale Klassenkampf objektiv durch den konkreten Antagonismus zwischen dem US-Imperialismus und dem Sowjetblock gebrochen zum Ausdruck – genauso wie er heute durch den Antagonismus zwischen den USA und China gebrochen zum Ausdruck kommt. Das bedeutet nicht, dass innerhalb dieser Blöcke der Klassenkampf aufhört zu existieren. Soziale Realität besteht aus mehreren Ebenen. Aber im Namen der „reinen“ Kampflinie „Bourgeoisie gegen Arbeiterklasse“ zu leugnen, dass die Welt aus einem Kampf zwischen dem imperialistischen und dem sowjetischen Lager bestand, führt unmittelbar zum „Drittlagertum“, das stets mit einer Kapitulation vor dem Imperialismus endet.

Jahrhunderte deformierter Arbeiterstaaten: Über Pablos berühmtes Zitat ist schon viel Tinte geflossen:

„Während wir an diesem Gedanken festhalten, werden wir es dennoch in der gesamten historischen Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, die Jahrhunderte andauern kann, mit einer weitaus gewundeneren und komplizierteren Entwicklung der Revolution zu tun haben, als unsere Lehrer annahmen – nicht mit normalen Arbeiterstaaten, sondern mit Arbeiterstaaten, die von Natur aus deformiert sind.“

- „Über den Klassencharakter Jugoslawiens“ (September 1949)

Man kann gegen Pablos konkrete Zeitachse argumentieren. Und indem er sie aufstellte, schrieb er tatsächlich der stalinistischen Bürokratie eine historisch fortschrittliche Rolle zu – ein Punkt, auf den ich noch zurückkommen werde. Aber Pablo hob vor allem hervor, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus sich als weitaus komplexer erwies als erwartet und revolutionäre Prozesse hervorbrachte, die nicht perfekt zu den etablierten Normen vom Oktober 1917 passten. Das war und ist wahr. Pablo argumentierte zudem, dass die Siege antikapitalistischer Revolutionen, wenn sie von stalinistischen Parteien geführt werden, die interne Krise des Stalinismus verschärfen würden – was ebenfalls zutrifft.

Entrismus sui generis: Dieser wurde als der ultimative Beweis für Liquidatorentum gebrandmarkt. Doch es war völlig richtig, dass kleine Propagandagruppen den Eintritt in stalinistische oder nationalistische Massenorganisationen anstrebten, selbst mit einer langfristigen Perspektive. Ob dies möglich oder wie es zu bewerkstelligen ist, hängt von den konkreten Umständen ab. Pablo setzte sich jedoch ausdrücklich im Gegensatz zu dem stalinophoben Kurs der vorangegangenen Periode dafür ein – und lediglich der Verteidigung dieses Kurses dienten oft die Vorwürfe des „Liquidatorentums“. Wenn das Rohmaterial der Avantgarde innerhalb der KPen oder der kolonialen Befreiungsbewegungen zu finden war, während die Vierte Internationale nur über geringe Kräfte verfügte, dann war es unerlässlich, eine Perspektive für den Eintritt zu haben. Das Problem war nicht die Taktik, sondern die politische Rechtfertigung dafür.

Das Wesen des Stalinismus: Viele warfen Pablo vor, das Wesen des Stalinismus zu revidieren. Das tat er zweifellos – aber nicht immer in der Weise, wie es die Anti-Pabloisten behaupteten. Die Hauptangriffslinie der SWP-Mehrheit gegen die Pabloisten war das Mantra: Der Stalinismus ist durch und durch konterrevolutionär. Workers Power stellte zwar fest, dass sowohl die Pabloisten als auch die Anti-Pabloisten falsch lagen, vertrat aber dennoch die Auffassung: „Wo immer sie auftreten und welche Form sie auch immer annehmen, sind stalinistische bürokratische soziale Revolutionen konterrevolutionär“ („The Degenerated Revolution“, 1982). Solche Formulierungen sind nicht nur irreführend. Sie sind falsch.

Chinesische und koreanische Soldaten. Mao Zedong.
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Links: Chinesische und koreanische Soldaten feiern nach der Abwehr eines Angriffs der US-Streitkräfte, Korea, 1953. Rechts: Mao Zedong verkündet die Gründung der Volksrepublik China, 1949. Die Chinesische Revolution führte bei Trotzkisten zu großer Verwirrung

Die Zerschlagung eines kapitalistischen Staates, die Zerstörung des Großgrundbesitzes, die Vertreibung des Imperialismus – selbst wenn dies unter bürokratischer Kontrolle geschah – ist das Gegenteil von konterrevolutionär! Es ist höchst fortschrittlich. Darüber hinaus waren die sozialen Revolutionen in China, Jugoslawien, Vietnam und anderen Ländern das Ergebnis gewaltiger revolutionärer Aufstände der Massen, die die stalinistischen Führer dazu drängten, weit über das, was sie wollten, hinauszugehen. Während Pablo diese Kräfte beschönigte, schrieben seine Gegner die tiefen, lebendigen Widersprüche innerhalb dieser Bewegungen einfach ab. Die Bezeichnung sozialer Revolutionen als „konterrevolutionär“ war nur eine bequeme Methode, ein Problem unter den Teppich zu kehren, anstatt es zu lösen. Es war zudem der sicherste Weg, die Isolation und Diskreditierung der Trotzkisten zu gewährleisten.

Kapitulation vor Tito: Zweifellos kapitulierte Pablo vor Tito. Das taten auch Healy und Cannon. Doch Kritiker, die schnell darauf hinwiesen – wie Ted Grant (oder unsere eigene Broschüre zu der Frage, geschrieben von Genossen Jan Norden) –, gaben in der Regel keine Orientierung zur Jugoslawischen Revolution. Die Charakterisierung des Bruchs zwischen Tito und Stalin als ein Kampf zwischen zwei Bürokratien – was er ja auch war – wurde oft als Vorwand für eine Enthaltung herangezogen. Pablo hatte Recht damit, Einfluss auf die jugoslawische KP, einschließlich ihrer Führungsschicht, nehmen zu wollen und offene Briefe zu senden. Dies geschah mitten in einer sich entwickelnden revolutionären Situation, zu einer Zeit, als die Bürokratie noch nicht völlig gefestigt war. Die Frage war, was genau man der jugoslawischen KP sagen sollte – und gerade darin lag Pablos Fehler.

Man könnte noch mehr dazu sagen. Aber eines möchte ich besonders betonen: dass Pablo nicht einfach ein chemisch reiner Opportunist war, bewusst darauf aus, den Trotzkismus zu zerstören. Seine Kritiker revidierten oft ebenso sehr die Grundprinzipien des Trotzkismus.

Was ist falsch am Pabloismus?

Was genau war also falsch am Pabloismus? Seit unserer Neuausrichtung werden wir oft beschuldigt, Neo-Pabloisten zu sein. Doch diese Vorwürfe zeigen nur, dass die Beschuldiger nicht verstehen, was der Pabloismus eigentlich ist.

Pablos gesamte Analyse beruhte auf der Vorstellung: „Kommunistische Parteien behalten die Möglichkeit, unter bestimmten Umständen eine grob revolutionäre Ausrichtung vorzuzeichnen.“ In solchen Situationen, so argumentierte er, würden diese Parteien „aufhören, stalinistische Parteien im strengen Sinn zu sein“. Hier liegt der Kern des Revisionismus, der dem Trotzkismus jede Raison d’être geraubt hat.

Die Geschichte hat gezeigt, dass unter bestimmten spezifischen Bedingungen – einem revolutionären Aufstand der Massen, enormem Druck seitens des Imperialismus, der Schwäche der lokalen Bourgeoisie usw. – stalinistische Parteien und sogar kleinbürgerliche nationalistische Organisationen weit über die Ziele ihrer Führung hinausgehen, um die Macht kämpfen und sogar mit dem Kapitalismus brechen können. Das ist zweifellos ein revolutionärer Akt. Aber es ist keine „revolutionäre Orientierung“. Es ist eine zweideutige Formulierung, die von Pablo und anderen verwendet wurde, um im Grunde zu argumentieren, dass diese Kommunistischen Parteien revolutionär geworden seien.

Das Problem ist folgendes: Die Machtergreifung in einem Land vollendet die Revolution nicht, sondern leitet sie erst ein. Solange der Imperialismus besteht, sind die Errungenschaften eines einzelnen Landes weiterhin der Erdrosselung durch die Imperialisten und der Gefahr einer Umkehrung ausgesetzt. Daher kann eine revolutionäre Orientierung nichts anderes sein als eine bewusste Strategie für die Weltrevolution. Dafür wurde die frühe Komintern gegründet.

Und das ist nicht der Weg, den die Kommunistischen Parteien Chinas, Jugoslawiens oder Koreas verfolgten. Sie haben nicht „aufgehört, stalinistische Parteien zu sein“. Pablo reduzierte den Stalinismus darauf, Befehle aus Moskau zu befolgen. Das ist nicht das Grundlegende am Stalinismus. Stalinismus ist die Unterordnung der Weltrevolution unter den Aufbau des Sozialismus in einem Land, was dazu führt, dass man eine illusorische friedliche Koexistenz mit dem Imperialismus anstrebt. Er entspringt den Interessen einer privilegierten Schicht, die von den Massen getrennt ist und zwischen ihnen und dem Weltimperialismus eingekeilt ist.

Tito stützte sich gegen die UdSSR auf den US-Imperialismus, was schließlich zu seiner völligen Kapitulation während des Koreakriegs führte. Die Außenpolitik der KPCh war darauf ausgerichtet, die Volksrepublik China auf Kosten der Weltrevolution zu erhalten, was sich zeigte, als sie 1954 enormen Druck auf die Kommunistische Partei Vietnams ausübte, die Teilung zu akzeptieren, sowie als sie später Verrat an der indonesischen KP beging.

Natürlich hatte Pablo Recht, als er dafür plädierte, diese Revolutionen zu unterstützen. Er hatte Recht mit seiner These, dass sich Trotzkisten mit den unter stalinistischer Führung stehenden Massen verbinden mussten, unter anderem durch die Taktik des Eintritts. Das Verhängnisvolle an seiner Taktik war, dass sie nicht von der Notwendigkeit motiviert war, innerhalb dieser Parteien eine revolutionäre Strömung aufzubauen, sondern von der Illusion, die Kommunistischen Parteien würden durch den „objektiven Prozess“ dazu gedrängt werden, revolutionär zu werden. Diese Vorstellung wurde dann rasch auf alle möglichen Kräfte ausgeweitet, von der MNR in Bolivien über Ben Bella in Algerien bis hin sogar zum linken Flügel der Labour Party!

Dies warf die heikle Frage auf: Was war dann der Sinn des Trotzkismus? Wenn Tito und Mao im Grunde eine „revolutionäre Ausrichtung“ verkörperten, wenn andere KPen oder sogar nationalistische Gruppierungen dasselbe taten, worin würden wir uns dann von ihnen unterscheiden?

Was die Vierte Internationale oft anzusprechen versuchte, waren Arbeiterdemokratie und die Legalisierung trotzkistischer Parteien. Doch die Forderung nach Arbeiterdemokratie allein ist keine grundlegende Gegenposition zum Stalinismus und auch keine historische Rechtfertigung für eine eigenständige Strömung innerhalb der kommunistischen Bewegung. Dasselbe gilt für die Gewerkschaften. Die Forderung nach Arbeiterdemokratie ist zwar entscheidend, erhält aber revolutionäre Bedeutung erst als Teil einer umfassenderen internationalistischen Strategie. Der zentrale Grund, warum eine Bürokratie die freie Meinungsäußerung der Arbeiterklasse nicht dulden kann, liegt darin, dass sie ihre Privilegien behalten und sich mit dem Imperialismus auf Kosten der Arbeiterklasse versöhnen will. Lasst mich jemanden zitieren:

„Die historische Rechtfertigung unserer Bewegung liegt nicht darin, dass sie demokratischer ist als der Stalinismus, dass sie die Revolution mit geringerem Aufwand durchführt oder dass sie allein in der Lage ist, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Ihre einzig mögliche Rechtfertigung, bestätigt durch drei dramatische Jahrzehnte, liegt in der Unfähigkeit des Stalinismus, den Weltkapitalismus zu stürzen…“

Diese Worte stammen von Ernest Mandel aus seinen berühmten „Zehn Thesen“ von 1951. Sie sind absolut richtig! Aber sie wurden benutzt, um Pablos Kurs der Unterstützung für Tito und Mao zu verteidigen, die „aufgehört hatten, Stalinisten zu sein“!

Das ganze Problem läuft darauf hinaus, dass der Trotzkismus keine grundlegende Antwort auf die konkrete Nachkriegsentwicklung des Stalinismus hatte. Daher konnte er keinen entscheidenden Beitrag zur revolutionären Bewegung leisten.

Und wieder einmal sind wir zurück an dem Punkt angelangt, den ich die ganze Zeit über betont habe. Die Aufgabe der Epoche war der Sieg über das amerikanische Imperium. Der einzige schlüssige Weg, wie die Vierte Internationale Tito, Mao, alle Kommunistischen Parteien und die nationalistischen Führer herausfordern konnte, war auf dem Terrain der Weltrevolution. Das ist keine Abstraktion. Es bedeutete, eine ernsthafte Strategie zu entwickeln, die darauf abzielte, die Arbeiterstaaten auf der Grundlage einer Verschärfung des Klassenkampfes im Ausland gegen den Imperialismus zu verteidigen. Und von diesem Standpunkt aus die Anpassung der KPen an den Imperialismus sowie ihre engstirnigen und nationalistischen Strategien anzuprangern, mit denen die Revolutionen auf Kosten der Arbeiter, der nationalen Minderheiten und des internationalen Proletariats verteidigt werden sollten.

Das war der einzige Weg, um die Bürokratie zu untergraben, eine echte kommunistische Strömung aufzubauen und die politische Revolution vorzubereiten. Und es war der einzige Weg, der der trotzkistischen Bewegung eine echte Kohärenz und historische Rolle verlieh: indem sie sich als die konsequenteste antiimperialistische Fraktion der kommunistischen Bewegung im weltweiten Kampf gegen das US-Imperium positionierte.

Die Spaltung von 1953

Offensichtlich waren das nicht die Argumente der Anti-Pabloisten. In Frankreich war die PCI-Mehrheit unter Marcel Bleibtreu die erste, die gegen Pablo kämpfte. Sie griff ihn in Dutzenden von Punkten an, doch in Bezug auf den zentralen strategischen Fehler waren sie sich einig. Die französische Mehrheit argumentierte ausdrücklich, dass die Kommunistische Partei Chinas aufgehört habe, stalinistisch zu sein, und verspottete die Idee eines „Stalinismus ohne Stalin“. Was sie wirklich ablehnte, war die unmittelbare, praktische Perspektive eines Beitritts zur Kommunistischen Partei Frankreichs – ein organisatorisches Diktat, das Pablo ihr auf bürokratische Weise auferlegte und das zum Ausschluss der PCI-Mehrheit führte.

In den USA verlief die Spaltung von 1953 entlang anderer, aber ebenso orientierungsloser Linien. Die Cochran-Clarke-Minderheit machte sich Pablos objektivistische Ideen voll und ganz zu eigen, während sie gleichzeitig die Stalinophobie der Führung unter Cannon ablehnte und versuchte, sich mit den tatsächlichen Herausforderungen der McCarthy-Ära auseinanderzusetzen. Darauf verharrte die SWP-Mehrheit noch starrer in rigider Orthodoxie. Sie verteidigte Cannons „Thesen zur amerikanischen Revolution“ von 1946 als einen fast mystischen Text und führte, wie ich bereits erwähnte, einen internen Kampf unter dem Banner, dass der Stalinismus durch und durch konterrevolutionär sei. Dieser Kampf verstärkte nur noch die Orientierungslosigkeit der SWP. Und unmittelbar nach dem Ausschluss der Minderheit trat die SWP aus der Vierten Internationale aus, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, innerhalb dieser zu kämpfen!

Die amerikanische, britische und französische Sektion gründeten daraufhin das Internationale Komitee. Unsere Tendenz hat behauptet, dass sie die revolutionäre Kontinuität repräsentierten – wenn auch, um fair zu sein, mit einer gehörigen Portion Kritik. Doch die Wahrheit ist, dass das Internationale Komitee ebenso unfähig war, eine marxistische Antwort zu geben auf die grundlegenden Fragen unserer Bewegung.

Während Pablo offen stalinistischen und nationalistischen Bewegungen hinterherlief, zog sich das Internationale Komitee auf eine durch und durch sektiererische, sterile und die Realität verleugnende Haltung gegenüber eben diesen Bewegungen zurück. Später leugnete das IK sogar, dass in Kuba eine Revolution stattgefunden hatte! Und einer der vernichtendsten Vorwürfe gegen diese Spaltung war ihre geografische Aufteilung. Bis 1953 befand sich wahrscheinlich der Großteil der Mitglieder der Vierten Internationale in der kolonialen und halbkolonialen Welt – in ganz Lateinamerika bis Asien. Bei seiner Gründung war jeoch der Großteil des Internationalen Komitees in imperialistischen Ländern ansässig, während die Mehrheit der Mitglieder aus der kolonialen und halbkolonialen Welt bei Pablo verblieb.

Mit Ausnahme der chinesischen Exilgruppe schloss sich jedoch zum Zeitpunkt der Spaltung keine andere Sektion außerhalb der imperialistischen Länder dem Internationalen Komitee an.

Und genau darin liegt die Tragödie des Bruchs von 1953. Die trotzkistische Bewegung spaltete sich in zwei zerrüttete Hälften, von denen keine eine schlüssige, revolutionäre Antwort auf die stalinistischen und nationalistischen Kräfte im Kampf für den Sieg gegen das amerikanische Imperium bieten konnte.

Fazit

Der Mensch kontrolliert das Universum
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Diego Rivera, Wandgemälde von 1934: „Der Mensch kontrolliert das Universum“

Ich möchte kurz zusammenfassen. Manche Genossen fragen sich vielleicht: Ja, was du sagst, scheint richtig zu sein, aber hätte es einen Unterschied gemacht? Standen die Trotzkisten nicht selbst mit dem besten Programm vor einer ausweglosen Situation, winzig im Vergleich zu den riesigen stalinistischen und nationalistischen Kräften?

Ein Programm ist kein Zauberstab. Dennoch ist es in der Politik ein Leichtes, die Kraft einer richtigen Orientierung zu unterschätzen – einer Orientierung, die tatsächlich dem historischen Prozess entspricht. Hätte die Vierte Internationale ihre Aufgabe verstanden, dann hätte ihr das zumindest einen politischen Sinn und Zusammenhalt verliehen. Dadurch wäre sie nicht sofort zu einer Massenbewegung geworden. Doch es hätten so viele verwirrende und zerstörerische Kämpfe vermieden werden können, und riesige Chancen hätten genutzt werden können. Und vor allem hätten Mitte der 1950er-Jahre, als die Unzufriedenheit mit dem Stalinismus wuchs, Tausende eine solide und kohärente Bewegung gefunden, der sie sich hätten anschließen können.

Die entscheidende Lehre aus dieser Geschichte ist, dass eine Bewegung ohne den richtigen Kompass zum Scheitern verurteilt ist. Im Grunde zerfiel die Vierte Internationale, weil sie nicht verstand, dass die zentrale Aufgabe jener Epoche der Kampf gegen das amerikanische Imperium war. Und heute wiederholt die überwiegende Mehrheit der trotzkistischen Bewegung genau denselben Fehler – sie bezeichnet China als „imperialistisch“, ausgerechnet zu der Zeit, wo das amerikanische Imperium Krieg und Zerstörung in alle Ecken der Welt sät. Auf der anderen Seite glauben viele Kämpfer im Globalen Süden, dass die Kommunistische Partei Chinas – die nur die US-Offensive ermöglicht und die Arbeiterklasse demoralisiert hat – wirklich revolutionär sei. Genau an diesen Fragen ist die Vierte Internationale zerbrochen!

Die Aufgabe der Revolutionäre besteht heute gerade darin, eine revolutionäre Antwort auf diese Polarisierung zu geben und eine solche revolutionäre Synthese zu schmieden, die unseren Vorfahren nicht gelungen ist. Die Aufgabe besteht darin, eine revolutionäre Strömung aufzubauen, die sagen kann: Mit China gegen die USA! Mit dem Weltproletariat gegen den Verrat der KPCh-Bürokratie!

Wir können so unserer Losung eine neue und tiefere Bedeutung verleihen: Für die Wiederschmiedung der Vierten Internationale, Weltpartei der sozialistischen Revolution!