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Die Regierung al-Scharaa hat eine blutige Offensive gegen die Kurden in Rojava gestartet, um die Grenzen Syriens zu sichern. Die syrischen Streitkräfte haben große Teile des Territoriums im Nordosten aus der Kontrolle der kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) zurückerobert, und die verbleibenden Gebiete sind schweren Angriffen ausgesetzt. Die SDF haben zwar zurückgeschlagen, doch hat sich das Kräfteverhältnis in diesem Konflikt entscheidend zugunsten der Arabischen Republik Syrien (SAR) verschoben, die nun in Washington hoch im Kurs steht. Es wurde ein äußerst fragiler Waffenstillstand ausgehandelt, doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Offensive wieder aufgenommen wird.

Der „pro-demokratische“ Westen hat jede Vortäuschung von Solidarität aufgegeben, und die Entscheidung des kurdischen Führers Öcalan vom letzten Jahr, die Waffen niederzulegen und den „Friedensprozess“ mit der SAR fortzusetzen, bedroht nun die Existenz von Rojava. Die Kurden stehen isoliert da. Um Rojava und die Selbstbestimmung der Kurden zu verteidigen, ist eine neue Strategie erforderlich, die die von den Imperialisten geschürten sektiererischen Spaltungen überwinden und breitere Massen auf die Seite der Kurden gegen al-Scharaa, Israel und die USA bringen kann.

Keine Befreiung mit den Imperialisten

Der nationale demokratische Aufstand in Rojava, der 2012 begann, hatte das Potenzial, ein Leuchtfeuer für nationale Befreiung und sozialen Fortschritt in ganz Westasien zu sein. Dieses Potenzial wurde jedoch schnell untergraben, als die Führung der SDF das Schicksal der kurdischen Befreiung in die Hände der Imperialisten legte. Wie wir bereits zuvor erklärt haben (siehe „Nur Antiimperialismus kann die Völker Syriens vereinen“, Spartakist Nr. 228, 19. April 2025), war es eine Sache, Hilfe von den USA anzunehmen, als man während der Belagerung Kobanês durch den IS im Jahr 2014 von der Auslöschung bedroht war. Es war jedoch etwas ganz anderes, ein offizielles Bündnis mit den USA einzugehen, um eine gemeinsame Offensive gegen arabisch dominierte Gebiete wie Rakka zu führen. Als kurdische Streitkräfte mehrheitlich arabische Regionen besetzten, setzten sie eine harte Unterdrückung und anti-arabische Politik durch, während sie Ölfelder und Gefangene für die USA bewachten. Das Ergebnis war, dass die Kurden in der Region als Agenten des US-Imperialismus angesehen wurden. Dies schürte die antikurdische Stimmung weiter, vertiefte die nationalen Spaltungen und trug zur Isolation der Kurden von den Arabern und anderen bei, die ebenfalls unter Assad und dem IS gelitten hatten.

Als das Assad-Regime zusammenbrach, hielten es die USA für besser, direkt mit al-Scharaa zusammenzuarbeiten, um ihre Interessen in der Region durchzusetzen. Thomas Barrack, US-Gesandter bei der SAR, stellte fest, dass die SDF aufgrund der sich verändernden Dynamik in Syrien und im Kampf gegen den IS ihre Rolle „weitgehend ausgespielt“ hätten. Und einfach so ließen die Imperialisten die SDF im Stich und damit auch die demokratische, von Frauen und der Basis geführte Revolution in Rojava. Den Kurden wird nun gesagt, sie hätten „eine historische Chance“, sich unter einer islamistischen Regierung, die gerade Massaker an den Minderheiten der Drusen und Alawiten verübt hat, mit „demokratischen Rechten“ in den syrischen Staat zu integrieren.

Die wichtigste Lehre aus den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts – und des letzten Jahrhunderts – ist, sich beim Kampf für nationale Befreiung niemals von den Imperialisten abhängig zu machen. Sie werden einen verraten, sobald sie einen besseren Vertreter finden, der ihre Ziele verfolgt. Die gesamte Region, insbesondere Kurdistan, ist heute gerade wegen der imperialistischen „Teile-und-herrsche“-Taktik zerrissen, die ständig die Bevölkerungen Westasiens dazu bringt, sich gegenseitig zu bekämpfen, anstatt sich gegen den Imperialismus zu vereinen.

Eine revolutionäre Strategie hätte versucht, die Massen zu vereinen, indem sie die demokratischen Rechte religiöser und nationaler Minderheiten gegen das Assad-Regime sowie gegen die USA und ihre Verbündeten verteidigt hätte. Das ist nach wie vor dringend erforderlich. Die Ergebnisse der SDF-Strategie sind für alle offensichtlich: Rojava ist isoliert, seine westlichen Verbündeten sind verschwunden, und die arabischen Stämme, die früher gemeinsam mit den SDF gegen den IS gekämpft haben, lassen die Kurden nun zugunsten von al-Scharaa im Stich. Während die SAR-Truppen arabisch geprägte Städte wie Tabka und Rakka zurückerobern, jubeln die Menschen, die in den SDF ihre Unterdrücker sahen. Genau diese Strategie hat den Boden bereitet für die sich heute abzeichnende Niederlage.

Öcalan: Entwaffnung bedeutet Katastrophe

Ahmed al-Scharaa übernahm Ende Januar 2025 die Macht, und einen Monat später forderte Öcalan alle kurdischen Gruppen zur Entwaffnung und die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zur Auflösung auf. Kurz darauf erklärten sich die SDF bereit, sich in die syrische Armee zu integrieren. Dies geschah unter dem Druck der zunehmenden Isolation durch die USA, die keine Notwendigkeit mehr sahen, kurdische Milizen zu unterstützen, und Erdoğan in der Türkei einen Sieg auf heimischem Terrain verschaffen wollten. Öcalans Kapitulation war die logische Konsequenz eines Kampfes zu den Bedingungen der Imperialisten. Wie wir damals schrieben, war die Entwaffnung „ein absoluter Verrat an der kurdischen Befreiungsbewegung“, der „für die kurdischen Kämpfer den Tod bedeuten würde“ („Öcalan, SDF: Nein zum Verrat an Kurden und Rojava!“, Spartakist Nr. 228, 19. April 2025).

Die Errungenschaften von Rojava sind das Ergebnis des demokratischen und bewaffneten Kampfes von zehntausenden heldenhaften Kämpfern, insbesondere Frauen, für Selbstbestimmung. Diese haben den Kurden ein Maß an Sicherheit und nationaler Existenz gebracht, das sie unter Assad nie erfahren hatten. Ein Jahr al-Scharaa-Regierung hat zweifelsfrei bewiesen, dass die SAR keine nationalen Rechte für Kurden und andere Minderheiten tolerieren wird. Rojava muss verteidigt werden! Dennoch vertritt Öcalan weiterhin die Meinung, dass die Lösung in „Dialog, Verhandlungen und gemeinsamer Vernunft“ liegt. Das bedeutet eine Katastrophe.

Es ist gut, dass die SDF zum Kämpfen entschlossen sind, aber um Rojava zu retten, müssen sie anders kämpfen: die Entwaffnung rückgängig machen und sich der Auflösung in die syrische Armee widersetzen. Entscheidend ist, dass sie sofort mit den Kräften des Zionismus und des US-Imperialismus brechen! Der einzige Weg für die Kurden, ihre Isolation zu durchbrechen und das Vertrauen der sunnitischen Araber zu gewinnen, besteht darin, zu zeigen, dass sie die besten Kämpfer gegen Israel und die USA sind. Auf diese Weise können sie auch die Unterstützung für al-Scharaa untergraben, der versucht, seine Kontrolle durch Zugeständnisse an die Schlächter von Gaza zu festigen. Es kann keinen Fortschritt geben, solange die Regime in der Region weiterhin den Zionismus, das Krebsgeschwür Westasiens, beschwichtigen. Die Freiheit für Kurdistan kann nur zusammen mit der Freiheit für Palästina vorankommen!

Nur Antiimperialismus kann Frauen befreien

Für viele ist Rojava gleichbedeutend mit Frauenbefreiung. Für viele andere hingegen reicht alles Gerede über bewaffnete Frauen, Autonomie und Frauenkollektive nicht aus, um den Makel der Verbindung zum Imperialismus zu verbergen. Die Welt braucht mehr bewaffnete Frauen, die gegen ihre Unterdrücker kämpfen. Aber es kommt darauf an, unter welchem Banner der bewaffnete Kampf geführt wird. Wir haben erklärt, wie die Strategie, sich auf den Westen zu orientieren, zur aktuellen Situation der Isolation und Schwäche des nationalen Befreiungskampfes beigetragen hat. Das Gleiche gilt für die Befreiung der Frauen.

Die Imperialisten nutzten die Bilder von heldenhaften bewaffneten Frauen, um ihr eigenes Image als Kämpfer für Demokratie gegen islamistische Reaktion in der Region zu stärken. In gleicher Weise nutzten sie die Notlage der afghanischen Frauen unter den Taliban, um das Land zu zerstören. In beiden Fällen hat die Verbindung der Förderung von Frauenrechten mit imperialistischen Zielen nur die konservative islamistische Reaktion angeheizt. Und in beiden Fällen ließen die Imperialisten die Frauen im Stich, für deren Anliegen sie sich einst eingesetzt hatten, sobald es ihnen nicht mehr passte: Die Taliban sind in Afghanistan wieder an der Macht, und die Frauen sind heute schlechter gestellt als vor dem 20-jährigen Krieg. Auch wenn dies für Rojava noch nicht gilt, liefert Afghanistan doch eine wichtige Lehre.

Die Menschen in Rojava sind in Lebensgefahr. Dies ist kein militärisches, sondern ein politisches Versagen. Frauen von Rojava und alle kurdischen Kämpfer: Hört auf, den Westen und die pro-demokratischen Kräfte um Hilfe zu bitten! Kämpft unter dem Banner des Antiimperialismus! Für die Befreiung der Frauen, ein freies Kurdistan und ein freies Palästina!